|
|
|
|
|
![]() |
|
La Chapelle de Saint Dominique The Process of Culture "4 Ends of a Circle" 2002-2006 |
|
Jürgen Raap
Weinedition "La Chapelle de Saint Dominique" 2002-2006 Anmerkungen zu einer Prozess-Skulptur von Rainer Junghanns In der Region Languedoc hat man unlängst ein verfallenes Weingut wieder entdeckt und als Winzerbetrieb neu belebt. Dazu setzte man auch neue Rebstöcke, an denen die Weinranken inzwischen so weit herangewachsen sind, dass man sie abernten und die Trauben keltern kann. Der Düsseldorfer Bildhauer Rainer Junghanns begleitet diese Phase, in der sich der junge Wein entwickelt und mit dem Wachsen seiner Reben geschmacklich immer mehr verbessert. Der Künstler ist sozusagen der "Chronist"* der Jahre 2002-2006: *Markus Del Monego In jenem Zeitraum wird nämlich mit jeder Ernte und Abfüllung des Rotweins aus der Lage "La Chapelle de Saint Dominique" eine künstlerisch-oenologische Edition ergänzt bzw. prozesshaft fortgesetzt. Daher benutzt Junghanns für dieses Projekt den Begriff "Prozess-Skulptur". Die Edition besteht aus jeweils einer Flasche Wein aus den Jahrgängen 2002-2006 mit einem von Rainer Junghanns gestalteten Flaschenetikett. Die Auflage beträgt 144 Magnumflaschen pro Jahr. Fünf Jahre lang fotografiert Rainer Junghanns die Landschaft, in welcher der besagte Wein wächst, und zwar an jedem 15. September immer exakt um 10.22 Uhr; jedes Mal von derselben markierten Stelle aus. Das solchermaßen gewonnene Foto zerlegt Junghanns anschließend kreuzförmig in vier gleich große Teile. Von der Aufnahme aus dem Jahr 2002 nahm der Künstler das linke obere Viertel zur Gestaltung des Flaschenetiketts für jenen Jahrgang. Das Etikett für die Abfüllung des folgenden Jahrgangs 2003 besteht alsdann aus dem oberen rechten Viertel des in diesem Jahr gemachten Fotos und außerdem aus einer Wiederholung des Motivs vom vergangenen Jahr: Das Flaschenetikett gibt mithin nun zwei Viertel (=die obere Hälfte) der abgelichteten Landschaft wieder. 2004 kommt von der dann aktuellen Fotoaufnahme das rechte untere Viertel hinzu, so dass nun drei Viertel der Kreuzform ausgefüllt sind. 2005 sind schließlich alle vier Felder belegt, und mit der Verwendung der Aufnahme aus dem Jahre 2006 verschwindet zuletzt auch die Kreuzunterteilung – das vollständige Landschaftsmotiv kann nun betrachtet werden, ohne dass sich die Schnitte durch das Bild ziehen. Die Reben selbst sind übrigens auf dem Bild nicht sichtbar: Das Foto zeigt einen Kanal. Beim Puzzle handelt es sich um das Zusammensetzen eines Bildes aus einzelnen Stücken. Bei dieser künstlerischen Wein-Edition werden jedoch nicht Teile desselben Bildes ergänzt. Stattdessen dient –wie oben beschrieben - als Vorlage für das Etikett-Motiv in jedem Jahr eine neue Aufnahme. So fügt sich schließlich die fünfteilige Reihe von einzelnen Bildern zu einer "Chronik" über die Veränderungen in der Landschaft zusammen: Auch wenn im Etiketten-Bild diese Veränderungen optisch kaum wahrnehmbar sind, so führt dennoch in einem Rebenfeld ein Wachsen und Reifen des Weines innerhalb von fünf Jahren zu einer geschmacklichen Vervollkommnung, die oenologisch verifizierbar ist, z.B. durch Messen des Mostgewichts. Für denjenigen, der in dieser Landschaft des Languedoc lebt, sind vielleicht auch andere äusserliche Änderungen zu registrieren, die das Foto von Rainer Junghanns jedoch nicht festhält: Neu angepflanzte Bäume und Sträucher sind stark gewachsen, Efeuranken haben sich an Mauern und Häuserfassaden wuchernd ausgebreitet, alte Gebäude sind abgerissen und neue errichtet, Straßen sind verbreitert oder begradigt worden... Wer lange aus dieser Landschaft fortgezogen war und dann später an die vertrauten Orte wieder zurückkehrt, dem fallen solche Änderungen im Stadt- oder Landschaftsbild viel deutlicher auf als demjenigen, der dort die ganze Zeit geblieben war. Wir merken ja auch nicht, wie unsere Kinder größer werden, wenn wir sie jeden Tag um uns haben, während hingegen unsere Verwandten, die diese Kinder fünf Jahre lang nicht gesehen haben, beim nächsten Familientreffen erstaunt ausrufen: "Oh, was bist du groß geworden!" Die Wahrnehmung von Veränderungen in der alltäglichen Wirklichkeit hat also mit der räumlichen und zeitlichen Nähe oder Distanz zu dieser Realität zu tun. Jegliche Wahrnehmung der Gegenwart aktiviert gleichzeitig immer Erinnerungsbilder aus der Vergangenheit; und erst im zeitlichen Vergleich gewinnt das Urteil über das anders Gewordene seine Kontur. Beim Oenologen sind es die Geschmackserinnerungen, das Erfahrungswissen, das ihm die Basis seiner Urteile liefert. Beim Weintest ist der Sinnesbefund nicht durch eine labortechnische Messung von klassifizierbarer Qualität zu ersetzen. Gewiss haben der handwerkliche Winzer und der später dessen Arbeitsleistung beurteilende Oenologe Vorstellungen von der aromatischen Vollkommenheit eines Weines, dessen Bouquet blumig oder fruchtig, würzig oder harzig erscheinen mag, wie auch der Bildhauer eine Vorstellung von der ästhetischen Vollkommenheit einer plastischen Form hat, die er in jedem einzelnen seiner Werke anstrebt. Bei der Wahrnehmung eines Aromas wirken bekanntlich mehrere Sinnessysteme zusammen. Duftstoffe erreichen unsere Riechsinneszellen sowohl durch die Nase als auch durch den Rachenraum. Düfte, die wir auf diesem zweiten, dem retronasalen Weg identifizieren, schreiben wir dann häufig der Zunge zu. Ein Aroma ist ein Duft und kein Geschmack, auch wenn wir in der deutschen Umgangssprache beide Begriffe häufig gleichsetzen. Der oenologische Begriff "Bouquet" meint das Zusammenwirken aller Duft- und Geschmacksstoffe, und diese Analyse eines Weines durch die Nahsinne des Riechens und Schmeckens hat sogar einen archetypischen Charakter: Die Chemorezeption trat in der Evolution nämlich bereits viel früher auf als andere Sinnesfunktionen, denn bereits Einzeller reagieren auf chemische Reize. Jenseits aller Ritualität und aller kulturellen Einbindungen ist die Weinprobe somit eine Angelegenheit, die sensuell das grundsätzliche Wesen unserer anthropologischen Existenz tangiert. Und indem die Eigenart des jeweiligen Weines wesentlich durch seine "Appellation" (Herkunftsbezeichnung) bestimmt wird, mithin die Eigentümlichkeit der Landschaft mit Klima und Bodenbeschaffenheit neben der Arbeit des Züchters und des Kellermeisters als wesentliche Ursache für den Charakter des Weines zu nennen ist, wird die Weinkultur wohl auch niemals jene Nivellierung und Standardisierung des Geschmacks erfahren, den die Lebensmittelchemiker in der industriellen Nahrungsmittelproduktion unternehmen. Exkurs: Rainer Junghanns hat diese Prozess-Skulptur aus seinem Projekt "Trans and Form" ("Water into Wine") entwickelt, das er seit Frühjahr 2001 verfolgt. Hierbei handelt es sich um ein interaktiven Austausch und eine intermediale Kommunikation zwischen den Mitgliedern einer virtuellen Tischgemeinschaft. In der Anfangsphase dieses Projekts bat Rainer Junghanns die Teilnehmer aus Politik, Wirtschaft und Kultur, eine Flasche Wein zu stiften und dazu eine Geschichte aufzuschreiben, die ihre persönliche Beziehung zu diesem Wein erläutert. Dieses Projekt "Trans and Form" wird sowohl im Internet kommuniziert als auch an realen Kunstorten. Bislang waren u.a. Düsseldorf, Berlin, Brno, Iserlohn zwischen Herbst 2001 und Herbst 2003 die einzelnen Projektstationen. Die Ausstellungen mit einer mixed-medialen Rauminstallation und einer Dokumentation des "kulinarischen Archivs" mit den eingereichten Geschichten begleitet der Meister-Sommelier Markus Del Monego mit einer Einführung in die Weinkultur und einem gemeinsam mit den Gästen zelebrierten Weinritual. In den ersten Ausstellungen zu diesem Projekt visualisierte Junghanns die Komponenten ERDE – WASSER – WEIN: Eine wabenförmige Tonröhreninstallation symbolisiert die Erde. Sie besteht aus einzelnen "Modulen" mit den gestifteten Weinflaschen. Ein digitales Video präsentiert das Medium Wasser. Daran knüpft nun auf dem Weinetikett die Wiedergabe des Kanals als Wasser-Metapher an. Die kultische Bedeutung des Weins manifestiert sich in unserem christlichen Kulturkreis vor allem im Abendsmahlsritus mit der Transsubstantiation von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi. Religionsgeschichtlich fußt dieses christliche Kultmahl auf hellenistischen Myterienkulten und jüdischen Festriten. Als zentrales Sakrament, d.h. als ein von Christus eingesetztes Zeichen, ist die Eucharistie eine Dankesgabe von Leib und Blut. Im frühen Christentum meinte die Bezeichnung "Haus Gottes" nicht unbedingt ein Gebäude, sondern die zum Herrenmahl versammelte Gemeinde, die sich in der Zeit der römischen Verfolgung an geheimen Orten traf, etwa in Katakomben. Wenn Rainer Junghanns nun das Foto für das Weinetikett kreuzförmig in vier Viertel aufteilt, so hat dies weder etwas mit religiöser Symbolik zu tun noch mit den anderen Bedeutungen des kulturellen Kreuz-Zeichens (z.B. "Andreaskreuz" als Verkehrsschild). Im Wissen um diese historische zeichentechnische Besetztheit begreift Junghanns das Kreuz vielmehr als eine moderne (medien) künstlerische Form von "Schnittstelle". In der Computertechnik sind Schnittstellen bekanntlich die Verbindungsstellen (Stecker) zwischen dem Computer und seinen Peripheriegeräten wie Drucker, Bildschirm oder Scanner. Hier sind es die Stellen, an denen das Foto auseinandergeschnitten wurde: Indem die Vervollständigung des Bildes im Uhrzeigersinn ablesbar ist, macht die Edition Zeit sichtbar. Innerhalb dieser Zeit ändert sich die Landschaft (s.o.), gewinnen die Reben an weiterer Geschmacksfülle. Neben dem Phänomen "Zeit" interessiert den Künstler außerdem eine Vernetzung aller Beteiligten im interkulturellen Raum über die Sprachgrenzen hinweg. Der Wein schafft (symbolisch) eine kommunikative Verbindung. Künstlerisch ist diese Edition dem Genre der konzeptuellen Bildhauerei zuzurechnen. Die Gestaltung konzentriert sich auf das Fotomotiv und dessen Umsetzung als Etikett, wobei jedes einzelne Kreuz auf den 144 Flaschen per Hand aufgemalt wird. Indem Rainer Junghanns das Bild auseinanderschneidet und wieder zusammensetzt, rekurriert er auf das Moment des Fragmentarischen in der zeitgenössischen Kunst. Das klassische Tafelbild mit seiner stilistisch-ästhetischen Einheitlichkeit wird in Frage gestellt – an seine Stelle tritt die collagenhafte Synthese des Bildes. Im Rahmen seines "Trans and Form"-Projekts hat Rainer Junghanns 21 Künstlerkollegen gebeten, eine Translation oder Transformation eines Poems von Joe Genz zu leisten: wäre die Zeit Zeit sie würde lächeln Nachdem für 2002 dieser Originaltext in die Projekt-Skulptur integriert wurde, hat für 2003 Claude Sinte eine freie Übertragung ins Lateinische vorgenommen: casu ardescuit fluxum tempus in aeternis tenebris (Zufällig entbrannte fließende Zeit in unendlichen Dunkelheiten) Auch die weiteren Transformationen dieses Textes sollen in jeder Sprache immer nur sieben Wörter oder sieben kalligrafische Zeichen enthalten. Kunsthistorisch folgen diese Zeit-Parabel und das Fotomotiv auf dem Etikett den mittelalterlichen Jahreszeiten- und Erntebildern als Darstellung des immer wiederkehrenden saisonalen Zyklus der Natur. Während die bäuerliche Wein- und Landwirtschaft diesen natürlichen Abläufen folgt und dem Rebensaft Zeit zum Reifen läßt, verkürzt die agrarindustrielle Vorgehensweise diese Phase, indem bei den einfachen Landweinen der Erntejahrgang 2003 bereits im Frühjahr 2004 in den Supermärkten angeboten wird und man bei der Viehzucht mitunter auch den Einsatz verbotener Mastmittel nicht scheut. In den mittelalterlichen Jahreszeiten- und Erntebildern visualisieren Weintrauben häufig den Herbst. Als ikonisches Zeichen haben Weinbeeren hier jedoch keine kulinarisch-oenologische Bedeutung, sondern eine allegorische: Dieser kunsthistorische Topos visualisiert Sinnbilder für die Gaben Gottes. In den archaischen Kulturen folgten Opferrituale einem Imperativ ausgleichender Gerechtigkeit – wenn man der Natur etwas entnahm, musste man ihr auch wieder etwas zurückgeben. Indem das Opfer die Götter gnädig stimmte, war zugleich eine Balance zwischen der Sphäre der wilden, unberührten Natur und der zivilisatorisch-humanen, gezähmten Sphäre der menschlichen Kultur und damit des Weltgefüges wieder hergestellt. Die wirtschaftsideologische Beschleunigung der Wachstumsprozesse im Zeitalter der (agrar)industriuellen Produktion fußt auf der protestantisch-calvinistischen Verdammung des Müßiggangs, auf dem Willen, "keine Zeit zu verlieren". In der Industriekultur wird die Zeit nicht als Produktionsfaktor aufgehoben, aber sie erfährt seit der Einführung der Stundenuhr jedoch mehr und mehr eine Ökonomisierung, z.B. indem der Stücklohn (bzw. eine Entlohnung nach der geernteten Menge) durch den Stundenlohn ersetzt und zugleich die Produktionsdauer maschinell beschleunigt wird. Als sensueller Faktor löst sich die an den Naturzyklus gebundene Zeit in den rigiden Arbeitszeitmodellen mit einem Wechsel Frühschicht-Spätschicht-Nachtschicht völlig auf. Bereits vor rund 100 Jahren gab es eine anti-industrielle Jugend- und Wandervogelbewegung, die auf die rapide anwachsenden Großstädte mit einem Eskapismus reagierte wie siebzig Jahre später die Anhänger von Landkommunen. Das Rousseausche Motto "Zurück zur Natur" wurde nun von einer Sehnsucht nach non-urbaner, ländlicher Ursprünglichkeit überlagert (so fand z.B. die Münchener Künstlergruppe "Der blaue Reiter" die Motive für ihre expressionistische Malerei im ländlichen Raum Bayerns). Der Entsinnlichung durch die heute weit verbreitete Instant Food-Kultur begegnen wir inzwischen durch eine Wiederentdeckung der seit den sechziger Jahren verdrängten Bauernmärkte und kleinen Läden, wo wir keine fertig abgepackte Ware erstehen, sondern mit dem Sinnesbefund unsere Kaufentscheidung treffen. Denn inzwischen haben wir begriffen: Wissen gründet in sinnlicher Erfahrung. (R. Junghanns) ©Cave & Co, La Chapelle de Saint Dominique, Rainer Junghanns Der Autor: Jürgen Raap, Jahrgang 1952, lebt in Köln als Journalist, Kunstkritiker und Schriftsteller. Er ist u.a. Herausgeber des Doppelbandes "Essen und Trinken" der Zeitschrift "Kunstforum international" (Bd. 159/160, 2002) und Verfasser von Reise-, Restaurant- und Barführern über Köln und das Rheinland.
|
|
|